Ins Bild setzen

zur Ausstellung von Ruprecht Dreher bei KV Legal BERLIN, 2012

Von Andreas Schlaegel

 

Auf den ersten Blick könnte man einfach konstatieren: schöne Bilder. Man könnte diese Räume durchwandern und feststellen, dass der Künstler hier schön möbliert hat, es passt gut zusammen, kommt etwas Farbe in das Büro, ein bisschen Kunst in den Alltag, wie man so sagt, ein wenig Virtuosität in die schlichte Strenge der Juristerei.
Tatsächlich jedoch ist die Assoziation des Künstlers mit dieser Rechtsanwaltspraxis alles andere als zufällig, und auch nicht, zumindest in erster Linie, dem Wunsch der Hausherren nach Dekoration geschuldet, sondern die Konsequenz einer beinahe zwangsläufig auftretenden Fragestellung, als Resultat einer langjährigen künstlerischen Auseinandersetzung, die ich hier im Ansatz nachvollziehbar machen möchte.
Ich möchte hier nur einen möglichen Zugang zu der vom Künstler selbst zusammengestellten Werkgruppe (denn bei den hier gezeigten Arbeiten handelt es sich nur um eine unter mehreren anderen) skizzieren.

Was hat den Künstler denn nun in diese Praxis geführt? Am Anfang stand ein malerisches Problem, das zu einer Frage nach den legalen Auswirkungen der eigenen künstlerischen Praxis führte. Eine komplexe Fragestellung, die insbesondere die Arbeiten betrifft, die im Büro von Herrn Klages gesehen werden können. Mehrere, vereinfachend gesagt, bunte Kästen stehen da, in lockerer Gruppierung. Es sind streng geometrisch gebaute und bemalte, in den Raum erweiterte, konstruktivistische Gemälde, die oszillieren, zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk, zwischen Hocker oder Stuhl, und Malerei und Skulptur.

Diesem Zwischenbereich gilt bereits seit einiger Zeit das besondere Interesse des Künstlers, und neben diesen hier gibt es auch viele andere Arbeiten mit denen er dieses unwägbare Terrain erforscht hat. Wie damit umgehen, dass diese Objekte einen eigenen Raum beanspruchen, irgendwo zwischen der sonst für Kunst beanspruchten Nutzlosigkeit und dem dekorativen Mehrwert von Designobjekten? Inwieweit verändert sich die Wahrnehmung, wenn auch die Einzigartigkeit des Gemäldes und seiner malerischen Geste in Frage gestellt wird, und die Idee der Vervielfältigung aufgegriffen wird, nicht im Sinne von technischer Reproduzierbarkeit wie bei Benjamin, sondern ganz einfach im Sinne von Kopien aber auch Varianten, Annäherungen, Auflagen. Wie, wenn man in Malerei und Skulptur Begriffe einführt, die sonst auf Druckwerke, wie Radierungen oder Lithographien angewendet werden (die im Zeitalter sofortiger Multiplikation digitaler Inhalte geradezu beängstigende Ubiquität angenommen haben, und dies nicht erst seitdem wir wissen, dass sich Kopien aller unserer Emails auf Computern diverser Geheimdienste befinden)? Oder wird das bildnerische Objekt durch die Verfielfältigung entwertet, oder zumindest die darin enthaltene Malerei, geht am Ende der Kunstanspruch selbst verlustig?

Die hier gezeigten Bilder/Objekte/Möbel sind Formfindungen des Künstlers. Es sind im eigentlichen Sinne Kompositionen, gesucht und gefunden in der dauerhaften Auseinandersetzung mit ausgewählten Materialien in komplizierten, langwierigen Prozessen, mit einem betont sachlichen Zugang zum sonst sich so gerne virtuos-gestischen gerierendem Malerhandwerk. Konstruiert aus Holzleisten mit verschiedenen Profilen, Spanplatten und Brettern, bemalt Dreher seine Objekte mit Acrylfarben und -lacken durchaus virtuos in Schichten, deckend, dann wieder lasierend, mit Pinsel oder Rolle, schleift Aufträge an oder ab, poliert, und lässt im fertigen Objekt unterschiedliche, oft reliefartige Oberfläche nebeneinander stehen. Die Objekte sind Bilder, mit mehr als einer, oft mit sechs Seiten, also eher ein Objekt das an der Wand hängen kann, also ein Tafelbild, das einen Bildraum suggeriert. Das Objekt kann als Skulptur auf dem Boden oder auf einem Sockel platziert werden, dann wirkt es wie ein Architekturmodell. Und nicht zuletzt darf es als Möbel benutzt werden, indem man sich darauf niederlässt: man kann es im Wortsinne be „sitz“ en.

Aber wie besitzt man so ein Kunstwerk? Hier kommt die vom Künstler eingeführte Hierarchie seiner künstlerischen Variationen ins Spiel. Zunächst geht es um das künstlerische Durch-Deklinieren verschiedener kompositorischer Möglichkeiten, mit einem genau festgelegten Repertoire an Details, von Formen, Farben bis zu den Verbindungen (was wie und wo sichtbar oder unsichtbar verklebt, verschraubt oder verblendet wird). Wenn der Künstler die endgültige Form für eines dieser Werke gefunden hat, wird dieses dann zur „Mutter“, eine Art Vorbild für eine Serie von „Kindern“. Bei letzteren handelt es sich um auf Anfrage erstellte Kopien, deren Anzahl der Künstler auf zehn Stück pro Mutter begrenzt hat. Sie werden im gleichen Verfahren wie das Original hergestellt, nicht immer als absolut exakte Kopien, sondern approximativ, als hinreichend präzise Annäherungen. Denn den Kindern ist der Prozess der Formfindung, der der Schaffung der Mutter vorausging, nicht mehr eingeschrieben. Mann kann nach Unterschieden suchen, und dann deren Bedeutung reflektieren, für die Gesamtkomposition der einzelnen Arbeit, wie auch für dieses künstlerische Projekt im Ganzen.
Die „Kinder“ tragen also nicht wie die „Mutter“ die Spuren ihrer eigenen Entwicklung in sich, sondern bilden nur das Ergebnis nach, dessen Ebenbild sie sind. Sie beinhalten keine Erfahrung, und sind insofern quasi unschuldig. Das reflektiert der Künstler übrigens auch im Preis, die Kinder sind dann als Auflagenobjekt eben wesentlich billiger als die „Mütter.“
Damit nähern sie sich allerdings einem Designobjekt an, denn da die Form gefunden ist, kann sie jetzt ja reproduziert werden. Die künstlerische Frage, mit der Ruprecht Dreher in der Rechtsanwaltspraxis vorstellig wurde, befasste sich damit, inwieweit seine Objekte, wenn sie schon zum Sitzen einladen, und auch nicht einzigartig sind, nicht irgendwann die Grenze zum Design überschreiten? Und ob er seine Gestaltung dann möglicherweise rechtlich schützen sollte?

Ich nehme an, dass der Austausch zu diesem Thema für beide Seiten interessant verlief, sonst wäre die Ausstellung an diesem Ort wohl nicht zustande gekommen. Wer die Räume abschreitet kann anhand der Auswahl der Arbeiten, die bis in die frühen neunziger Jahre zurückreichen, sich die Ideen von Ruprecht Dreher herleiten, die dieser Werkgruppe zugrunde liegen. Das geht von frühen Kastenbildern aus, in denen die Vorstellung von einer gesellschaftlichen Authentizität von Materialien auftaucht, wie die Banalität eines Sperrmüll-Fundstücks, eine Schrankrückwand aus Holz, mit Spuren des alltäglichen Gebrauchs, bis zu späteren Gemälden, die dann sukzessive eine Freiheit konstruktivistischer, geometrischer Kompositionen in äusserst präzise gesetzten Farbflächen findet. Hier zeigt sich der Künstler als verschmitzter Kolorist, gerade im Büroalltag, wenn beispielsweise kleine Details in Neonfarben ihr Echo in zwischen Aktenbergen herauslugenden Post-its finden, oder ein fahles Blau, das in einem Bild wie Himmel oder Meer assoziiert werden könnte, auf einem abgestossenen verblassten Aktendeckel im Regal wieder auftaucht.

Aber das ist eher eine Nebensache, und sei hier als Anreiz für eine individuelle Entdeckungsreise durch Bilder und Büro empfohlen. Man kann aber anhand des hier gezeigten Überblicks ebenfalls nachvollziehen, wie Ruprecht Dreher über die Jahre zunehmend den Betrachter als Akteur ins Bild setzt, als jemanden, der das Kunstwerk weiter betreibt, oder sogar aktiv vollendet. So ist das auch mit diesen neuesten Objekten, sie werden erst damit, dass sie in die Wohnung, das Lebensumfeld, den Alltag des Betrachters Eingang finden, aktiviert. Insbesondere dadurch, dass sie, je nachdem wie sie benutzt werden, das unvermeidliche Patina ansetzen, und so weiteres bildnerisches Potential entfalten. Einige der Arbeiten dieser Ausstellung sind bereits als Leihgaben dem alltäglichen Gebrauch ausgesetzt gewesen, was man ihnen auch ansieht. Dazu sei angemerkt, dass der Künstler Besitzern seiner Arbeiten anbietet, diese zu restaurieren, bzw. zu überarbeiten. Dadurch könnte sich das Erscheinungsbild der Arbeiten allerdings wieder verändern…

Aber kommen wir zur Fragestellung von Eigentum von Kunst und Design zurück, nach Besitz. Da „funktioniert“ Design anders als Kunst, der Erwerb eines Designer-Gegenstands (ohne auf die unsinnige Anglisierung des Begriffes einzugehen) macht Freude, denn sein Besitz erlaubt einem nicht nur das ästhetische Vergnügen des Gebrauchs, schon allein die Möglichkeit der Benutzung ergibt einen symbolischen Mehrwert. Das Design-Objekt dient nicht nur durch seine Wiedererkennbarkeit, sondern schon allein durch seine Präsenz dem Eigentümer als Distinktionsmittel.

Das gilt für das Kunstwerk auch, aber es folgt einer anderen Logik. Beim Kunstwerk steht künstlerischer Autonomie an erster Stelle, es geht gerade um die Nutzlosigkeit des künstlerischen Objekts, dient es doch einem höheren Ideal. Folglich arbeitet der Künstler in erster Linie für sich selbst, aus eigenem Antrieb, zur Befriedigung selbstgewählter künstlerischer Kriterien, und nur den Regeln der eigenen Praxis, den Ansprüchen an sich selbst und dem eigenen Gewissen verpflichtet. Die amerikanische Künstlerin Andrea Fraser bemerkte einmal, dass die Freiheit dieser Form der Autonomie oft nur die Basis für die Selbstausbeutung des Künstlers darstellt. Weil es auch hier das Privileg der Wiedererkennbarkeit seiner Arbeiten ist, das einen Mehrwert schafft, auch wenn es sich um einen symbolischen handelt, der überwiegend von anderen abgeschöpft wird. Dieser Umstand liegt im System des Kunstmarkts begründet, der symbolische Mehrwert beruht absurderweise genau auf der vom Betrachter angenommenen Freiheit des Künstlers (und des Kunstwerks) auch von ökonomischen Zwängen. Die Gedankenkonstruktion, dass ein Kunstwerk unabhängig von der ökonomischen Notwendigkeit der künstlerischen Selbstausbeutung geschaffen wird, benötigt der Betrachter um die Glaubwürdigkeit des künstlerischen Entwurfs zu akzeptieren.

Mit der Auffächerung seiner neuesten Arbeiten in verschiedenen Varianten, stellt sich Ruprecht Dreher auch dazu quer. Der Konzeptkünstler Lawrence Weiner sagte einmal sinngemäss, dass ein Kunstwerk niemandem gehöre, die Kunst liege im Moment. In genau dem Moment, in dem man das Kunstwerk betrachtet, es wahrnimmt, es erfährt. Wenn man ein Kunstwerk erfahren hat, dann hat man es sich schon angeeignet. Darin liegt die ganz besondere Grosszügigkeit von Kunst, und ganz besonders der Kunst, wie sie Ruprecht Dreher produziert – und das geht über den Kalauer des Besitzens seiner Arbeiten hinaus. Und wer auf dem Kunstwerk sitzt kann es nicht betrachten.

Nein, es geht nicht immer schnell. Skulptur und Malerei, verlangen Zeit für sorgfältige Betrachtung. Insofern liegt die Qualität dieser Ausstellung darin, dass sie die neuesten Arbeiten aus dem Werkkontext herleitet und so aus dem Werk des Künstlers heraus nachvollziehbar macht. Aber auch darin, dass sie nicht in den heiligen Hallen des Museums, sondern im alltäglichen Büro, die Möglichkeit bietet, ganz unbefangen einen Anfang zu machen mit diesen Arbeiten in Kontakt zu treten, zu schauen und Platz zu nehmen. Und wieder nachzusehen.